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Opernkritik – Gaetano Donizetti: Lucia di Lammermoor (Teatro Comunale Luciano Pavarotti, Modena)

Premiere: 19.2.2016
Regie und Licht: Henning Brockhaus (Neueinstudierung durch Valentina Escobar)
Musikalische Leitung: Stefano Ranzani
Besuchte Vorstellung: 19.2.2016 (Premiere)
Übernahme von der Fondazione Pergolesi Spontini (Teatro G.B. Pergolesi), Jesi
Fotos: Stefano Binci/ Rolando Paolo Guerzoni

Zweieinhalb Stunden Spannung pur – Fehlanzeige. Gaetano Donizetti und sein Librettist Salvatore Cammarano schufen mit Lucia di Lammermoor unbestritten einen Höhepunkt des Belcano-Repertoires und den Idealtypus der romantischen italienischen Oper. Nach der Uraufführung im Jahre 1835 am Teatro San Carlo in Neapel hat das wegweisende Meisterwerk in kürzester Zeit die Spielpläne Europas erobert. Alle wollten die dramatische Durchschlagskraft, die farbige Instrumentation sowie die wirkungsvollen Solopartien und Ensembles miterleben. Doch bei der am vergangenen Wochenende am Teatro Comunale Luciano Pavarotti in Modena gezeigten Produktion blieb dies alles ungesehen und überwiegend ungehört.

Ein silbergrauer, gewebeartiger Stoff, der mittig auf einer monumentalen Treppe liegt, wird zu Beginn der Ouvertüre wie ein zweiter Vorhang nach oben gezogen und verdeckt dadurch den dahinterliegenden Bühnenraum komplett. Im Laufe der Handlung wird der Stoff immer wieder von neuem so gerafft, dass eine halbkreisrunde Öffnung den Blick auf das Geschehen dahinter freimacht. Je nach Belichtung wird der Vorhang zur transparenten Membran oder zur unüberwindbaren Wand. In beiden Fällen jedoch wird sie als Projektionsfläche genutzt: Flackernde Kerzen, ein gotisches Kirchengewölbe, eine einfache graue Steinwand aber auch ein Gänseblümchen-Feld und verschmiertes Blut sind zu sehen.

Diese Projektionen sind nicht irgendwelche Projektionen. Entworfen hat sie der bedeutende tschechische Bühnenbildner Josef Svoboda. Als einer der Ersten verwendete er ab den 1960er Jahren in seinen Ausstattungen ausgeklügelte Lichtspiele und aufwendige Videoprojektionen, um eine innovative Raumgestaltung zu erwirken. Er wollte mit neuester Technologie die altbackende Guckkasten-Ästhetik kräftig umkrempeln. Das Theater hat dieselben Anrechte auf alle neue Technik wie ein modernes Haus auf Lift und Waschmaschine, gab er in einem Interview zu Protokoll. Doch anders als viele unserer Regie-Zeitgenossen setzte er sich selbst enge Grenzen: Aber alles muss dramaturgisch begründet sein.

Für das Macerata Opera Festival stattete Svoboda 1993 auch eine Neuproduktion von Donizettis Lucia di Lammeroor aus. Anlässlich seines zehnten Todestages im Jahre 2012 beauftragte die Fondazione Pergolesi Spontini in Jesi den Regisseur Henning Brockhaus und den Bühnenbildner Benito Leonori mit einer ‚Rekonstruktion‘ der Inszenierung. Doch dafür standen als Vorlagen nur die enthaltenen Bühnen- und Projektionsskizzen Svobodas zu Verfügung. Es stellte sich schnell heraus, dass eine detailgetreue Rekonstruktion unmöglich war. So ist es durchaus konsequent, wenn Regisseur Brockhaus trotz Verwendung der originalen Bühnenbilder seine eigene Deutung auf die Bühne brachte. Doch lag es an der sattgesehenen Technik, dass die wegweisende Illuminationsästhetik Svobodas in Modena nicht zu erkennen war? Immerhin gehören Projektionen, Videoinstallationen und Filmsequenzen in unseren Zeiten längst zur gängigen Theatersprache. Oder lag es vielleicht doch eher an dem neuen Lichtdesign des Regisseurs Henning Brockhaus?

Auf sein Konto gehen immerhin verloren umherstehende Solisten in klassischen Sängergesten und blockweise auf- und abtretende Chöre, die sich zu einer denkbar banalen und langweiligen Personenregie zusammenfügen. Sowohl eine Federballszene im Schlossgarten, als auch eine hinter dem silbergrauen Schleier nicht sehr gut zu erkennende Garderobenszene haben nicht zum Verständnis des Regiekonzeptes beigetragen. Im Vergleich zum Biedermeierambiente der Inszenierung nimmt die Wahnsinnsszene Lucias eindeutig zu viel Theatralität ein. Die blutüberströmte Leiche des ermordeten Arturo, gespielt von einen Double, darf einmal die komplette Treppenanlage nach unten rollen, um schlussendlich auf der Rampe unangenehm dumpf aufschlagen zu können. Dort darf sie dann bis zum rettenden Vorhang auch liegenbleiben. Das dramatische Potenzial von Lucia di Lammermoor, das unter anderem ihren weltweiten Ruhm begründet, wurde leider nicht genutzt. Auf eine solche Hommage an den tschechischen Theaterpionier Josef Svoboda hätte man getrost verzichten können.

Erschreckenderweise war musikalisch ebenfalls wenig Gutes zu hören. Das Orchestra Regionale dell’Emilia Romagna spielte undifferenziert, unpräzise und schlichtweg langweilig. Die Orchestermusiker, jeder für sich mit seinem eigenen Notenpult beschäftigt, verweigerten dem wild umherfuchtelnden Dirigenten Stefano Ranzani die Gefolgschaft. Richtige Intonationsprobleme gab es vor allem in den Holzbläsern und den Hörnern. Sollte sich das frei von jedweder musikalischer Sensibilität spielende Orchester dann doch in einem lichten Moment zu einem Accelerando motivieren lassen, zog der junge italienische Tenor Alessandro Scotto di Luzio die Tempobremse. In seiner eindeutig an Tragik überzeichneten Rolleninterpretation des Edgardo tendierte er zu larmoyanter Tonfärbung und schliff, um die wehleidige Wirkung noch zu verstärken, die meisten der Töne von unten an – und geriet gerade deswegen immer zu tief. Zu den anderen Sängern sollte man lieber wohlwollend schweigen.

Bei einer solchen Gemengelage tat einem Ekaterina Bakanova in der anspruchsvollen Titelpartie nur noch leid. Die junge russische Sopranistin war mit Abstand die einzige Akteurin des Abends, die sowohl stimmlich als auch schauspielerisch wirklich überzeugte. Bereits 2013 debütierte sie als Lucia in Italien, nachdem sie im selben Jahr den berühmten italienischen Gesangswettbewerb As.Li.Co in Como für sich entscheiden konnte. Sie sang elegant und mühelos die Koloraturkaskaden und die extremen Höhen der Partie, mal im schmetternden Forte, mal mit einem ganz wunderbar innigen Piano. So hätte ihre berühmte Wahnsinnsszene Il dolce suono zum Lichtblick des Abends werden können. Üblicherweise wird die von Donizetti vorgeschriebene Glasharmonika durch eine Flöte ersetzt. Doch der Soloflötist in Modena, schlimm genug, dass er seinen angestammten Orchesterplatz verließ und sich auf dem Dirigentenpodest produzieren musste, zerstörte mit seinem quietschenden, verstimmten und unangenehm schneidenden Klang einen der wohl ergreifendsten Momente der Opernliteratur des 19. Jahrhunderts. Richtige Belcanto-Wonnen wollten sich bei dieser unterdurchschnittlichen und mehr als enttäuschenden Aufführung einfach nicht einstellen.

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