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Opernkritik – Gaetano Donizetti: Don Pasquale (Teatro Amilcare Ponchielli, Cremona)

Premiere: 19.11.2015
Regie: Andrea Cigni
Musikalische Leitung: Christopher Franklin
Besuchte Vorstellung: 19.11.2015 (Premiere)
Koproduktion: Fondazione Pergolesi Spontini (Teatro G.B. Pergolesi), Jesi u.w.
Fotos: Gianfranco Rota

Gaetano Donizettis turbulent-komische Oper Don Pasquale (Libretto Giovanni Ruffini) begeistert seit der Uraufführung am 3. Januar 1843 im Pariser Théâtre-Italien das Publikum. Regisseur Andrea Cigni verlegt zusammen mit seinem Bühnen- und Kostümbildner Lorenzo Cutùli den genialen Unterhaltungsklassiker mit viel Witz behutsam in die Zeit der 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Gestern feierte die Produktion ihre Premiere im Teatro Amilcare Ponchielli in Cremona.

Wie eine uneinnehmbare Festung aus längst vergangenen Zeiten wirkt das Haus des alten und grantigen Geizhalses Don Pasquale. In dieser Inszenierung ist er ausstaffiert mit einem ekelhaft-abgetakelten Morgenmantel samt Pelzaufsatz und wirkt dadurch wie eine Art Ebenezer Scrooge, in Anlehnung an Charles Dickens Erzählung A Christmas Carol. Ein alter, gebrechlicher Hausdiner staubwedelt lustlos vor sich her. Das zum Tresorvorraum umfunktionierte triste, graue Wohnzimmer macht deutlich: Pasquales einziger Lebensinhalt scheint der Schutz und die Vermehrung seines Vermögens zu sein. Verständlich, dass er seinen kricketspielenden Neffen Ernesto aus dem Haus wirft, möchte dieser doch die mittellose junge Witwe Norina heiraten. Doch auch der ergraute Junggeselle Pasquale möchte auf seine alten Tage eine Frau finden. Dottore Malatesta, ein stark androgyn-queer daherkommende Typ in einem eklektisch-extravaganten Albtraum aus verschiedenen Blautönen samt Fächer und großer pinkfarbener Kleiderblume, hat eine zündende Idee und macht sich daraufhin auf die Suche nach Ernestos Freundin.

Frischmunter fährt Norina, einen lebensbejahenden Rosenmuster-Petticoat tragend, fröhlich von der Decke – ein schöner Himmel und üppige Rosengirlanden machen das ihrige. Sie sitzt in einer mit Rosen gespickten Grünkranz-Schaukel und liest während ihrer Auftrittsarie Quel guardo il cavaliere nicht ein langweiliges Buch, sondern eine Ausgabe der Frauenzeitschrift Vogue. Auf der Titelseite ist der ‚Cavaliere‘ Silvio Berlusconi zu sehen. Diese keck-freche und wunderschöne Frau soll, so die Idee des herbeikommenden und schmetterlingsfangenden Doktors, als Unschuld vom Lande Pasquale zum Schein heiraten und ihm anschließend malträtieren. Die Tinte auf dem von einem falschen Notar beglaubigten Ehevertrag ist noch nicht trocken, da beginnt die erste Amtshandlung der neuen Ehefrau: Sie plündert den Tresor, um ein wenig Leben in die heruntergekommene Bude zu bringen.

Das Ausmaß der Geldverschwendung wird mit Öffnung des Vorhangs zum dritten Akt deutlich. Norina trägt ein pinkfarbenes Abendkleid, samt passend eingefärbten Pelz. Sie hat ein funkelnd elegantes Wohnzimmer mit neuer Wandverkleidung, Kronleuchtern, neuen Designermöbel und Eisbärvorleger geschaffen. Selbst die Lampassen und die Revers der Fracks, die eine Schaar neuer Diener ziert, sind mit kleinen Brillanten besetzt und selbst der alte Hausdiener springt mit neuem Leben erfüllt geschäftig umher. Alle tragen unzählige Schachteln von Chanel und weiterer italienischer Luxusmarken hinein, unter der Anleitung eines schwulen Friseurs, der frivol mit dem Stromkabel eines Föhns zu Gange ist. Angesichts dieses Albtraums will der verzweifelte Pasquale am liebsten die Hochzeit rückgängig. Am Hohepunkt seiner Aussichtslosigkeit machte er das ersehnte Versprechen: Ernesto dürfe sogar Norina heiraten, der Albtraum solle nur endlich aufhören.  Nachdem das Versteckspiel aufgedeckt wird öffnet sich im Schlussbild neuerdings der Tresor. Zu sehen sind aber nicht Goldbarren oder Geldscheine, sondern das sich küssende und umarmende Paar Norina und Ernesto als Symbol eines viel wichtigeren immateriellen Reichtums. Links und rechts positioniert sich revueartig der Chor, ehe in leuchtender Schrift Rome Je t’aime (Rom, ich liebe dich) das Postkartenbild nach Broadwaymanier vollendet.

Der international gefragte Bass-Bariton Paolo Bordogna als Don Pasquale führte mit eindrucksvoll-vitaler Stimme und unglaublicher Bühnenpräsenz das großartige Sängerensemble an. Vergangenes Jahr gastierte er an der Bayerischen Staatsoper als Don Magnifico in Gioachino Rossinis La Cenerentola (Inszenierung: Jean-Piere Ponnelle). Wer sich von diesem richtigen ‚Star‘ der Opera buffa einen Eindruck machen möchte, kann dies mit Hilfe seiner in diesem Jahr erschienenen CD Tutto Buffo (Decca) machen. Auch Ausschnitte aus Don Pasquale sind dort zu hören. Die Partie des Ernesto wurde von dem 23 Jahre jungen sizilianischen Tenor Pietro Adaini gesungen. Von der ersten Note an verlieh er der Rolle eine Weichheit und Leichtigkeit wie selten anzutreffen. Nicht nur in den berühmten Arien Sogno soave e casto und Com’è gentil la notte a mezzo april! sondern in der ganzen Oper zeigte er seine sowohl problemlos zu erreichende Höhe als auch schön phrasierte Bögen. Als kleinen Kritikpunkt könnte man anmerken, dass er ab und an unnötigerweise ein wenig auf seine Stimme drückte, wohl aus Angst, man würde ihn nicht hören. Doch sei dies vielleicht dem Alter und der Unerfahrenheit auf der Opernbühne geschuldet. Von diesen auch schauspielerisch sehr überzeugenden jungen Herren werden wir sicherlich noch einiges hören.

Gesanglich mit durchschlagendem Sopran präsentierte die erst 21-jährige Maria Mudryak als Norina alle Spitzentöne und die nötigen Koloraturen mühelos. Es bedurfte einiges an Arbeitsaufwand seitens der Herren, ihrer Stimme etwas entgegenzusetzen. Sie war schlicht nicht zu bremsen. Doch wirkte ihr beschwingt-blumiger Sopran mit schönem Timbre nie unkontrolliert oder affektiert. Auch ihr darf man eine Karriere als Opernsängerin nur wünschen. Den Grundstein dafür legte sie bereits vergangenes Jahr: Im Rahmen des Young Singers Project der Salzburger Festspiele sang sie die Clorinda in der Cenerentola für Kinder (Textfassung und Regie: Ulrich Peter). Mit der Rolle des Dottore Malatesta konnte der 29-jährige Spanier Pablo García Ruiz den diesjährigen 66° Concorso per giovani cantanti Lirici d’Europa für sich entscheiden. Nach anfänglichen Schwierigkeiten im ersten Akt (womöglich Lampenfieber) blühte er im zweiten und dritten Akt richtig auf. Auch sein Bariton verspricht noch einiges. Unter dem Dirigenten Christopher Franklin spielte das Orchestra I Pomeriggi Musicali di Milano lustig vergnügt, leicht und vor allem sängerfreundlich. Das Publikum in Cremona ist von dieser kurzweiligen und nicht auf plumpen Spaß abzielenden, letzten Endes doch librettotreuen Produktion begeistert: Sie spendeten Solisten, Dirigent, Orchester und Regieteam langanhaltenden stürmischen Applaus.

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