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Opernkritik – Gaetano Donizetti: Anna Bolena (Teatro Donizetti, Bergamo)

Premiere: 27.11.2015
Regie: Alessandro Talevi
Musikalische Leitung: Corrado Rovaris
Besuchte Vorstellung: 27.11.2015 (Premiere)
Übernahme von der Welsh National Opera, Cardiff (Wales)
Fotos: Gianfranco Rota

Despotisch, jähzornig, auf einen männlichen Erben paranoid fixiert, von Minderwertigkeitskomplexen heimgesucht: König Heinrich VIII. von England wurde auf unterschiedlichste Weisen negativ und oft auch ahistorisch rezipiert. Der Tudor-König war im Laufe seines Lebens mit nicht weniger als sechs Frauen verheiratet, seine zweite Ehefrau Anna Boleyn ließ er wegen vorgeblichen Ehebruchs und Hochverrats köpfen. Auf Grundlage ihres tragischen Endes verfasste Felice Romani das romantisch überformte und historisch nicht haltbare Libretto zu Gaetano Donizettis Oper Anna Bolena. In diesem Werk lassen sich unzählige Aspekte für eine psychologische Deutung des Stoffes finden, fernab von auftrumpfender Bildergewalt eines luxuriösen Königshofes des 16. Jahrhunderts. Doch wenn man sich für ein solches Konzept entscheidet, bedarf es einer ausdifferenzierten Personenregie und einer tiefgehenden Charakterisierung der Protagonisten. All das suchte man der Inszenierung von Alessandro Talevi vergeblich.

Dabei sollte die Premiere am 27. November 2015 als denkwürdiges Ereignis in die Geschichte eingehen, nicht nur in die des Teatro Donizetti in Bergamo. Paolo Fabbri, Musikwissenschaftler und Direktor der Fondazione Donizetti, erstellte auf Grundlage der Uraufführungspartitur eine historisch-kritische Edition der Oper. Nachdem bereits eine Strichfassung 2011 an der Wiener Staatsoper (Inszenierung: Eric Génovèse) zur Aufführung gelangte, soll nun 185 Jahre nach der Uraufführung am heutigen Abend jedes Rezitativ, jede Arie mit philologischer Korrektheit und allen halsbrecherischen Originalkoloraturen ausgeführt werden. Der Musikwissenschaftler betont im Programmheft die Vielschichtigkeit der Partitur und die spannende Ausdifferenzierung der Charaktere durch Donizetti.

Doch davon wollte offenbar Regisseur Alessandro Talevi nichts wissen. Er versuchte auf Gedeih und Verderb die tragische Komponente, die Hinrichtung der erst 29 Jahre alten Hauptperson durch den grauenhaften Ehemann, durchzusetzen. Die zahlreichen neuen Passagen machten eine ‚Überarbeitung‘ seiner bereits in Cardiff gezeigten Inszenierung notwendig. Doch abgesehen von ein paar marktschreierischen Gedanken (gleich zu Beginn der Oper sieht man Anna ein Kind gebären, wenig später leckt Nebenbuhlerin Giovanna Seymour devot die Stiefel des Königs) passiert auf der Bühne aber auch rein gar nichts. Die Protagonisten stehen ganze drei Stunden 45 Minuten in einem scheunenartigen, schwarz ausgemalten Fabrikraum verloren umher oder dürfen nichtssagend eine Runde mit der in der Bühnenmitte installierten Drehbühne fahren (Kostüm- und Bühnenbildnerin Madeleine Boyd). Tierschädel mit Geweihen sind an den Wänden angebracht, von der Decke baumeln Glühbirnen. Der Chor in scheußlichen Gewändern stellt die wenigen Requisiten, ein historisiertes Baby-Bett und mehrere einfache schwarze Bänke, zu immer neuen merkwürdigen Formationen zusammen (Choreographie: Maxine Braham). Für Anna Bolenas Final-Cabaletta reicht man ihr ein rotes Kleid, um so auch farbtechnisch die anstehende Hinrichtung zu visualisieren. Man darf sich schon fragen, was sich das Regieteam bei so einer nichtssagend-einfallslosen und albernen Inszenierung gedacht hat.

Doch es gibt ja noch die Musik! Bereits nach fünf Minuten hat die sängerische Gestaltungskraft die Oberhand über die szenische gewonnen. Die italienische Sopranistin Carmela Remigio gab in Bergamo ihr Rollendebüt als Anna Bolena und brachte mit ihrer zarten und weichen Stimme die Herzen der Zuhörer zum Schmelzen. Selbst im Moment größter Verzweiflung, angesichts des schändlichen Spiels ihres Gatten, sang sie die dramatischen Sopranausbrüche kräftig überzeugend, aber stets mit königlicher Nobles. In der atemberaubenden Wahnsinnsszene am Ende der Oper präsentierte sie ihre ganze technische Brillanz. Ausgehend von einem überirdischen, im äußersten Pianissimo gesungenen Piangete voi? Donde tal pianto? entlud sich in der Final-Cabaletta Coppia iniqua die angestaute Wut in immer wahnwitzigeren Koloratur-Kaskaden. Ausnahmebassbariton Alex Esposito, nebenbei bemerkt gebürtiger Bergamasker, konnte mit einwandfreier Technik, elegant geformten Lienen und sorgfältig überlegter Dynamik der schwierigen Rolle des König Enrico VIII zusätzliches Gewicht verleihen und einen überzeugenden Kontrapunkt zur Hauptpartie bilden. In den kommenden Wintermonaten wird er an der Bayerischen Staatsoper in den beiden Mozartopern Die Zauberflöte (Inszenierung: August Everding) und Don Giovanni (Inszenierung Stephan Kimmig) als Papageno bzw. Leporello zu erleben sein. Ebenfalls auf hohem, anspruchsvollem Niveau verkörperte die Mezzosopranistin Sofia Soloviy Annas Hofdame und Nebenbuhlerin Giovanna Seymour. In den ersten Minuten noch etwas schwach auf der Brust entwickelte sie sich kurz darauf zu einem großartigen, durch das Wechselbad der Gefühle gehenden vielschichtigen Charakter. Maxim Mironov, der Tenor des heutigen Abends, musste in der Rolle des Lord Riccardo Percy Unmenschliches leisten. Donizetti hat diese Partie dem berühmten italienischen Ausnahmetenor Giovanni Battista Rubini auf den Leib komponiert. Die sowieso schon schwer zu besetzende Rolle verschärfte sich durch die kritische Ausgabe nochmals um ein Vielfaches. Doch für Mironov war keine halsbrecherische Melodie zu schwer, keiner der schwindelerregenden Originaltöne zu hoch. Doch die Agilität seiner hellen Stimme ging auf Kosten des Volumens, was offenbar den einen oder anderen Premierengast störte. Man muss aber froh sein, wenn sich überhaupt jemand der Herausforderung dieser Partie stellt und wenn es im Falle unseres Tenors mit süßlich-traumhaften Liebesarien einhergeht: wer möchte da allen Ernstes etwas dagegen sagen! Annas Bruder Lord Rochefort sang mit dunklem, sonorem Bass Gabriele Sagona. Zusammen mit Manuela Custer als Smeton und Alessandro Viola als Sir Hervey schließt sich der Reigen es formidablen Sängerensembles.

Am Pult des Orchesters I Virtuosi Italiani stand für dieses historische Ereignis der Chefdirigent höchstpersönlich. Corrado Rovaris, auch Musikdirektor der Opera Philadelphia, studierte mit den Musikern die Partitur genau und lotete das musikalische Potenzial der Donizetti-Partitur perfekt aus. Für ihn ist Belcanto nicht eine bloße Stimmorgie übergeschnappter Primadonnen. Anders als die Inszenierung schufen transparente Farben, dramatische Intensität und für jede Arie perfekt abgestimmte Tempi zusammen mit der herrlichen Akustik des Opernhauses eine Atmosphäre höchster Emotionen. Die musikalische Leistung von Sänger und Orchester honorierte das Publikum mit reichem Beifall.

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