Opernkritik – Franz Lehár: Clo-Clo (Lehár Festival Bad Ischl)

Premiere: 10.8.2019
Regie: Markus Kupferblum
Musikalische Leitung: Marius Burkert
Besuchte Vorstellung: 11.8.2019
Foto: Foto Hofer

Der 50-jährige Severin Cornichon, Bürgermeister von Perpignan, glaubt, mit Cloclo Mustache seinen zweiten Frühling erleben zu können. Doch die berühmte Pariser Varieté-Sängerin weiß stattdessen ihren Verehrer auszunutzen und pumpt in Briefen ihren Sugar-Daddy um Geld an, das dieser auch prompt nach Paris schickt. Als jedoch eines Tages des Bürgermeisters Gattin Melousine einen Brief der Liebhaberin an den Mon chére Papa in die Hände bekommt, ist sie wider Erwarten geradezu entzückt, sieht sie ihren innigsten Wunsch nach einer Tochter in Cloclo erfüllt. Als Melousine nach Paris reist, um ihre vermeintliche Stieftochter in die Provinz Perpignan zu bringen, kommt das Cloclo gerade recht, wird sie von der Polizei gesucht, nachdem sie einen Staatsbeamten geohrfeigt und die Strafe nicht bezahlt hat.

Was folgt ist beste Unterhaltung mit vielen Lachern, reichlich Turbulenzen und erstaunlicher Aktualität. Severin muss wohl oder übel Cloclo als seine Tochter annehmen, während selbige als Babette die Unschuld vom Lande spielt – und trotzdem von allen Seiten angegraben wird, am heftigsten wohl von ihrem Klavierlehrer Chablis. Doch die Vergangenheit holt die steckbrieflich gesuchte Cloclo ein: Die Behörden haben ihre Spur bis in Haus des Bürgermeisters zurückverfolgt. Sie wird verhaftet, nach Paris überführt und inhaftiert.

Severin muss seinen Hut nehmen, stellt sich anschließend allerdings verrückt, um sich von seiner Frau scheiden lassen zu können. Die wiederum hat in dem Roman La Garçonne, eine Anspielung auf den gleichnamigen Roman von Victor Margueritte (1922), von der Idee der (sexuell) emanzipierten Frau gelesen und möchte alle zwei Wochen einen neuen Liebhaber zum Zeitvertreib haben. (Garçonne bzw. Frauenliebe soll später auch der Titel einer der ersten lesbischen Zeitschrift der Weimarer Republik werden.) Doch als der Skandal in Perpignan an Brisanz verliert und Cloclo nach zwei Wochen wieder das Gefängnis verlassen kann, wird sie schlussendlich von Severin und seiner zu ihm zurückgekehrten Frau adoptiert. Cloclo kann ihren Freund Maxime aus Paris heiraten, nachdem dieser wiederum seine Verlobte endlich verlassen hat.

Mit Cloclo, 1924 im Wiener Bürgertheater uraufgeführt, präsentiert das Lehár Festival Bad Ischl eine Operette, die noch nie bei den Festspielen zu erleben war und von der es auch keine Gesamteinspielung gibt. Das Klassik-Label cpo wird zeitnah eine Aufnahme der kurzweiligen, halbszenischen Produktion (Regie: Markus Kupferblum) als CD veröffentlichen, auf die man sich wirklich freuen kann. Frank Voß fungiert in der Produktion als Erzähler und fasst manche lange Dialoge präzis und knapp zusammen, ohne jedoch bissige Pointen oder witzige Regieanweisungen des Librettisten Bela Jenbach auszulassen.

Nach einem etwas beliebig anlaufenden ersten Akt nimmt die Operette im Geiste Offenbachs erstaunlich Fahrt auf – und die unterschiedlichen Tanznummern bergen Ohrwurmpotential. Nicht ohne Grund hat Gisela Werbezirk direkt nach der Uraufführung den Fox der Melousine „Ich habe La Garçonne gelesen“, samt Anspielung auf Kaiser Franz Joseph („Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut“) auf Platte eingespielt. In Bad Ischl übernimmt die bekannte österreichische Schauspielerin und Moderatorin Susanna Hirschler die Rolle der Melousine und kostet in aller Rampensau-Manier die Rolle der rigiden, aber lüstern Bürgermeistersgattin Melousine aus. Auch Gerd Vogel sorgt als Bürgermeister Severin Cornichon darstellerisch wie musikalisch für herrliche Lacher.

Mit tenoralem Schmelz und lustspielhaft-leichtem Gesang gibt Daniel Jenz den idealen Verehrer Maxime de la Vallé. Außergewöhnliches leistet Matthias Strömer, der als Petipouf (ein Polizist) und als Chorist sowohl eine Sprech- als auch eine Gesangsrolle verkörpern muss. Überragen wird allerdings das Sängerensemble von Sieglinde Feldhofer als frech-kecke Cloclo Mustache, der man einfach alles abkauft. Auch das auf 50 Musiker*innen aufgestockte Franz Lehár-Orchester unter der Leitung von Marius Burkert tragen zusammen mit den aufblühenden Melodien, den beschwingten Rhythmen und der allgemein überraschend fein instrumentierten Partitur, die sogar Giacomo Puccini in einen Brief an Lehár lobt (ausgestellt in der Lehár-Villa in Bad Ischl), zum Erfolg des Nachmittags bei. Am Ende gibt es als Zugabe noch ein in den Archiven des Lehár-Nachlasses neu entdecktes Lied der Cloclo über den Umgang mit Polizisten. Einstmals wahrscheinlich der Zensur zum Opfer gefallen, sollte es auf dem Mitschnitt allerdings nicht fehlen.

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