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Opernkritik – Francis Poulenc: Dialogues des Carmélites (Bayerische Staatsoper, München)

Premiere: 28.3.2010
Regie und Bühne: Dimitri Tcherniakov
Musikalische Leitung: Bertrand de Billy
Besuchte Vorstellung: 30.1.2016
Fotos: Wilfried Hösl

Francis Poulenc gelang mit seinen Dialogues des Carmélites Bemerkenswertes. Seit der erfolgreichen Uraufführung am 26. Januar 1957 am Teatro alla Scala in Mailand zählt das vergleichsweise junge Werk zum festen Bestandteil des Opernrepertoires und wird regelmäßig inszeniert. Es behandelt keine Liebesgeschichte in Dreieckskonstellation, sondern das tragische Schicksal der 16 Karmelitinnen von Compiègne. Am 17. Juli 1794 erlitten sie während der Französischen Revolution ihr Martyrium durch die Guillotine, weil sie sich geweigert hatten, ihre Ordensgelübde zu brechen. Das Libretto der Oper basiert auf einem Stück des französischen Schriftstellers Georges Bernanos, der dafür auf die Novelle Die Letzte am Schafott von Gertrud von Le Fort zurückgegriffen hatte.

Keine der Produktionen der letzten Jahre löste eine derartige Kontroverse aus wie Dimitri Tcherniakovs Deutung an der Bayerischen Staatsoper aus dem Jahr 2010. In dieser erleiden nicht wie vorgesehen alle 16 Karmelitinnen durch die Guillotine den Märtyrertod, sondern werden von der weiblichen Hauptperson Blanche de la Force (Ordensname: Blanche von der Todesangst Christi) aus einem Haus, das zu einer Art Gaskammer umfunktioniert wurde, in Sicherheit gebracht. Sie hingegen stirbt als Einzige bei einer absichtlich herbeigeführten Explosion. Die Erben von Poulenc und Bernanos haben bereits bei einer Wiederaufnahmeserie im November 2012 Staatsopernintendant Nikolaus Bachler aufgefordert, den in ihren Augen abgewandelten und entstellendenen Schuss nicht mehr zu spielen. Für sie ist die Kernaussage, das Martyrium aller Nonnen, szenisch zwingend umzusetzen. Auch für die aktuell laufende Wiederaufnahmeserie wiederholten die Erben eindringlich ihre Bitte.

Zuvor wurde bereits eine in Frankreich unter Berufung auf das Urheberpersönlichkeitsrecht eingereichte Klage der Erben zweimal abgewiesen. Nikolaus Bachler äußerte sich im Vorfeld der aktuellen Serie gewohnt selbstbewusst: In der Hand der Künstler sind große Werke besser aufgehoben als in den Händen der Erben. Bühnenkunst wird durch freie Interpretation am Leben erhalten, nicht durch vermeintliche Rechtsansprüche. Zweifelsohne hat er mit dieser Aussage Recht. Die Freiheit der Kunst sollte nicht durch Erben oder Gerichte, die dadurch als moderne Zensoren auftreten würden, untergraben werden. Problematisch allerdings erscheint der Satz in der Pressemitteilung, dass Text und Musik völlig unverändert auf die Bühne gebracht wurden. Dies wurde auch vom Gericht zur Begründung der Abweisung der Klage angeführt.

Poulenc setzt den Nonnen im Schlussbild ein musikalisches Denkmal. Während sie das Salve Regina anstimmen und in ihrer Todesstunde zu Maria beten, saust im Orchester 16 Mal erbarmungslos das Fallbeil herunter. Mit jedem Schlag, die in der Partitur und im Klavierauszug präzise eingetragen sind, verstummt der historischen Begebenheit folgend eine Karmeliterin. Diese Guillotine-Schläge wurden allerdings in der Münchner Wiederaufnahmeserie gestrichen. Nur der erste Schlag ist zu hören, als Blanche mit einem Holzbalken die Türe zur Gaskammer einschlägt, um anschließend die Nonnen zu retten. Die Entfernung der Schläge ist ein gravierender Eingriff in die musikalische Substanz der Partitur. Von einer völlig notengetreuen Aufführung kann keine Rede sein. Andererseits ist die Verweigerung der Schläge durch die Inszenierung logisch begründet, denn es kommt ja nur Blanche durch die Explosion zu Tode.

Doch es bleibt dabei: Poulenc war vom Märtyrertod der 16 Karmelitinnen von Compiègne und ihrer spirituellen Überzeugung, die sie auch gegen ein totalitäres System zu verteidigen wussten, bewegt und fasziniert. Er ist zweifelsfrei Sinnspitze und Höhepunkt der Oper. Dies wird auch durch zahlreiche Briefstellen, die teilweise sogar im Programmbuch abgedruckt wurden, überdeutlich. In einem außergewöhnlich emotional aufgeladenen Moment habe ich den drastischen Schluss der Karmelitinnen gefunden […]. Wenn ich diese Musik ganz kalt betrachte, glaube ich sagen zu können, dass die erschütternd ist vor Einfachheit, Resignation und… Frieden. Einen emotional aufgeladenen Moment schuf Tscherniakovs Münchner Lösung gewiss nicht. Fernab von der rechtlichen Auseinandersetzung zwischen Urheberrechte und Freiheit der Kunst bleibt die Frage – wie bei Inszenierungen von urheberrechtsfreien Werken auch – nach dem interpretatorischen Mehrwert einer derart weitgehenden Umdeutung.

Tcherniakov beginnt seine Dialogues des Carmélites mit eingespieltem Straßenlärm. Eine hastig umhereilende Menschenmasse in heutiger Kleidung bevölkert die Bühne. Mitten drinnen: Blanche de la Force, von qualvollen Panikattacken heimgesucht (packend gespielt und mit hell leuchtendem Sopran: Christiane Karg). Weder in der egoistischen, modernen Gesellschaft noch in ihrer Familie findet sie Halt und Ruhe. Während Vater und Bruder über ihr sonderbares Familienmitglied sprechen, schreitet sie mit zum Boden gesenktem Kopf vom hinteren Bühnenende durch Nebelschwaden zur vorderen Rampe. Sie bemerkt die Ablehnung und macht sich mit ihrem Reisegepäck auf in eine Frauengemeinschaft, die in einem nach vorne gleitenden Haus isoliert von der Außenwelt wohnt. Ob es sich hierbei um einen Karmeliter-Orden, eine religiöse Sekte oder eine säkulare Kommune handelt, bleibt durch die von Elena Zaytseva gestalteten Alltags-Kostüme bewusst unklar. Der mit einem großen Tisch und einigen Stühlen karg eingerichtete Einheitsraum ist für das Publikum durch eine durchsichtige Membran einsehbar. Selten wird im Bühnengeschehen die Grenze der Hausmauer übertreten.

Doch auch in der Gemeinschaft findet Blanche keinen Halt. Der Tod der alten Priorin Madame de Croissy (mit Mut zu unschönen Tönen in ihrer Todesstunde: Sylvie Brunet-Grupposo) bringt Tcherniakov besonders beeindruckend auf die Bühne. Der Tisch ist zum Bett umfunktioniert worden. Die harte, burschikose und herzlose Mère Marie (Susanne Resmark) wechselt ohne einen Anflug von Emotionen pflichterfüllend die Bettwäsche. Sie soll später im bewussten Einsatz ihrer ganzen Fleischlichkeit die Gemeinschaft zum Märtyrergelübde überreden. Blanche muss nun mit ansehen, wie die Priorin mit dem Tod ringt, den Untergang der Gemeinschaft prophezeit und flehend mit Gott hadert. Sie stößt die Türe des Hauses auf, hechelt nach frischer Luft, ehe sie tragisch stirbt. Neue Priorin wird nicht die charakterstarke, wenngleich unsympathische Mère Marie, sondern Madame Lidoine (Anne Schwanewilms konnte mit schriller und substanzloser Stimme nicht überzeugen). Tcherniakov setzt in hohem Maße auf Körpersprache und Personenregie; im differenzierten Beziehungsgeflecht bekommt jede Nonne eine starke Kontur. Diese fesselnde Erzählweise lässt die Inszenierung keine Minute lang langeilig werden.

Problematisch bleibt trotzdem das Schlussbild. Laut Libretto wird Mère Marie vom Eid durch den Priester gelöst, um der Nachwelt vom Martyrium zu berichten. In der Münchner Inszenierung jedoch ist die Szene teilweise dem Rotstift zum Opfer gefallen und Mère Marie schickt ihre Mitschwestern in den Tod. Sie übergibt einen Brief mit den Namen der Nonnen einem Mann, der das Todesurteil für die darauf stehenden Personen durch ein Megaphon verkündet. Das wirft die Frage auf, ob sich die Frauengemeinschaft freiwillig in dem Haus verschanzt hat und sich in die Luft sprengen möchte, oder aber eine staatliche Institution die Exekution veranlasst. In beiden Fällen widerspricht die Rettung durch Blanche und ihre Rolle als Stellvertreter-Opfer den logischen Schluss der Handlung. Blanche singt als letzte Karmeliterin das Salve Regina nach anfänglichem Zögern zu Ende. Sie rettet damit nicht ihre Gemeinschaft, sondern fügt sich ihrer Bestimmung. Es ist eine problematische Umdeutung des Schlusses, weil sie nicht stringent aus der ganzen Opernhandlung entwickelt wurde. Was bleibt ist trotzdem ein packend-spannender Opernabend und eine besonders klare, fließende und detailreiche, fast schon kammermusikalische Interpretation des Bayerischen Staatsorchesters unter der Leitung von Bertrand de Billy.

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