Il_matrimonio_segreto_@Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opernkritik – Domenico Cimarosa: Il matrimonio segreto (Opéra Royal de Wallonie-Liège)

Premiere: 19.10.2018
Regie: Stefano Mazzonis di Pralafera
Musikalische Leitung: Ayrton Desimpelaere
Besuchte Vorstellung: 27.10.2018
Wiederaufnahme aus dem Jahr 2008
Foto: Opéra Royal de Wallonie-Liège

Es ist eine Oper, die leider viel zu selten auf den Spielplänen unserer Opernhäuser steht: Domenico Cimarosas Il matrimonio segreto. Am 9. Februar 1792 im alten Burgtheater in Wien uraufgeführt, musste sie bei der zweiten Vorstellung auf Wunsch des anwesenden Kaisers Leopold II. nach kurzer Pause in voller Länge wiederholt werden – ein bisher einmaliges Ereignis in der Operngeschichte. Anknüpfend an diesen außerordentlichen Erfolg in Wien setzten die wichtigsten europäischen Theater Il matrimonio segreto auf ihre Spielpläne; Übersetzungen ins Dänische, Deutsche, Englische, Französische, Niederländische, Polnische, Schwedische und Spanische zeugen von einer europaweiten Rezeption. Auch im deutschsprachigen Raum war Die heimliche Ehe eine Sensation.

Doch national gefärbte Musikhistoriographien, die Apotheose Wolfgang Amadé Mozarts und Ludwig van Beethovens in den ‚deutschlastigen‘ Olymp der ‚Komponistengötter‘ und vor allem die Musikdramen Richard Wagners hinterließen ihre Spuren: Die einstige Popularität Cimarosas und seiner Opern ist seit Beginn des 20. Jahrhunderts immer mehr verschwunden. Auch die Musikwissenschaft spricht Cimarosa nur mehr eine reine Bindegliedfunktion zwischen Mozart und Gioachino Rossini zu; dennoch ist Il matrimonio segreto zusammen mit den Da-Ponte-Opern Mozarts die einzige Opera buffa des 18. Jahrhunderts, die stets im Opernrepertoire blieb. So lassen sich Jahr für Jahr Aufführungen finden: vergangene Saison in Köln und São Paulo, in der aktuellen Spielzeit in London und Liège.

Die Handlung ist eine für die Zeit typische und schnell zu erzählende Liebes- und Heiratsgeschichte: Der geizige Kaufmann Geronimo möchte, dass seine beiden Töchter in den Hochadel einheiraten. Daher haben seine Jüngste, Carolina, und sein Sekretär Paolino heimlich den Bund der Ehe geschlossen, um so die Zustimmung des Vaters zu umgehen. Für Elisetta hingegen ist der Graf Robinson vorgesehen, doch als dieser das Haus betritt, verliebt er sich ausgerechnet in die Falsche: Carolina. Paolino indes wird von der verwitweten und reichen Schwester des Kaufmanns Fidalma offensiv umworben. Nach knapp drei Stunden voll von falschen Verdächtigungen, Irritationen und einem Wechselbad der Gefühle wird die geheime Heirat öffentlich und der Konflikt löst sich in Wohlgefallen auf.

Die Produktion an der Opéra Royal de Wallonie-Liège, eine Wiederaufnahme der zwar spielfreudigen, aber etwas altbacken daherkommenden Inszenierung aus dem Jahr 2008 (Regisseur: Stefano Mazzonis di Pralafera, gleichzeitig Generaldirektor und Künstlerischer Leiter des Opernhauses), zeigt, weshalb diese Oper viel öfter gespielt werden sollte: Die Musik ist einfach phänomenal gut. Dirigent Ayrton Desimpelaere versteht es, Cimarosas Meisterwerk mit lyrischer Eleganz und beschwingter Frische zu gestalten und bot dadurch dem Sängerensemble eine perfekte Grundlage für ihren Gesang.

Allen voran überzeugten Céline Mellon (Carolina) und Sophie Junker (Elisetta), die sich als zankende Schwestern mit farbenreich gestalteten Melodien und virtuosen Koloraturen ein regelrechtes Duell um den Platz der Primadonna lieferten. Mit lyrisch-royaler Eleganz glänzte Mario Cassi als Conte Robinson und bildete einen exzellenten charakterlichen Kontrapunkt zum lustig umherpolternden, schrulligen und schwerhörigen Patrick Delcour (Geronimo). Einzig Matteo Falcier drückte – ohne erkennbaren Anlass – in der Höhe auf seine sonst lyrisch-sanfte Stimme und hinterließ dadurch einen etwas angestrengten Eindruck.

Nach der Aufführung steht jedenfalls fest, dass Cimarosa den wenig ehrenvollen Platz als ‚Übergangskomponist‘ zwischen Mozart und Rossini, der ihm zugewiesen wird, keineswegs verdient, mehr noch: Diese Einordnung ist sogar historisch falsch, denn auch viele seiner anderen Opern, die weit früher als Mozarts Werke europaweit gespielt wurden, sollten zur Diskussion gestellt werden. Daher ist es umso erfreulicher, dass am 19. Juli 2019 seine Opera seria Gli Orazi e i Curiazi bei der Kammeroper Schloss Rheinsberg ihre Premiere feiern wird.

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