fewo_2016_il matrimonio segreto_(c)Rupert Larl_Innsbrucker Festwochen (6)

Opernkritik – Domenico Cimarosa: Il matrimonio segreto (Innsbrucker Festwochen der Alten Musik)

Premiere: 12.8.2016
Regie: André Barbe und Renaud Doucet
Musikalische Leitung: Alessandro De Marchi
Besuchte Vorstellung: 16.8.2016
Fotos: Rupert Larl

40 Jahre Innsbrucker Festwochen der Alten Musik! 40 Jahre historisch informierte Aufführungspraxis, 40 Jahre Entdeckerfreude mit vergessenen oder vernachlässigten Opern des 17. und 18. Jahrhunderts. Für dieses Jubiläum hat sich Dirigent Alessandro De Marchi, seit 2010 Künstlerischer Leiter in Nachfolge von René Jacobs, etwas Besonderes einfallen lassen. Statt einer spannenden Wiederentdeckung rückt er Domenico Cimarosas populärste Oper Il matrimonio segreto ins Zentrum des Programms. Zwei Monate nach Wolfgang Amadeus Mozarts Tod im Februar 1792 im k.k. National-Hoftheater (dem Vorgänger des heutigen Wiener Burgtheaters) uraufgeführt, begeisterte sie allen voran den Auftraggeber: Kaiser Leopold II. Auf sein Geheiß musste noch am selben Abend die komplette Oper in seinen Privatgemächern wiederholt werden. Ein in der Operngeschichte singuläres Ereignis.

Das Libretto schrieb der von Leopold zum Kaiserlichen Poet ernannte drammi-giocosi-Schreiber Giovanni Bertati. Das englische Lustspiel The Clandestine Marriage (1766) von David Garrick und George Colman der Ältere diente als literarische Vorlage.

Die Handlung ist eine für die Zeit typische und schnell zu erzählende Liebes- und Heiratsgeschichte: Der geizige Kaufmann Geronimo möchte durch seine beiden Töchter in den Adelsstand hineinheiraten. Daher schlossen seine Jüngste, Carolina, und sein Sekretär Paolino heimlich den Bund der Ehe, um so die Zustimmung des Vaters zu umgehen. Für Elisetta hingegen, der ältesten Tochter, ist der Graf Robinson vorgesehen. Doch als dieser das Haus betritt, verliebt er sich ausgerechnet in die Falsche: Carolina. Paolino indes wird von der verwitweten Schwester des Kaufmanns Fidalma offensiv angegraben. Nach knapp dreieinhalb Stunden ungekürzter Musik voll von falschen Verdächtigungen, Irritationen und einem Wechselbad der Gefühle wird die geheime Heirat öffentlich und der Konflikt zerplatzt wie eine Seifenblase.

Da es bei solchen Amüsements und gegackertem Stimm-Wirrwarr nicht nur musikalisch hoch hergeht, verlegt das kanadische Regie- und Ausstattungsduo André Barbe und Renaud Doucet, das unter anderem Richard Wagners Die Feen an der Oper Leipzig inszenierte, die Geschichte kurzerhand in die Tierwelt. Auf der Bühne des Tiroler Landestheaters ist ein in Schwarz-Weiß-Ästhetik gehaltener Hühnerstall mit mehreren ‚Behausungen‘ zu sehen. In ihm kommen die asymmetrisch nach hinten zum hennenhaften Schwanz verlängerten barocken Reifrock-Roben in braun für die beiden Schwestern beziehungsweise grau für die Witwe Fidalma sowie die farbfrohen Gehrock-Federkleider der beiden wichtigtuerischen Gockel mit aufwändiger Haarpracht besonders gut zur Geltung. Nur Paolino muss sich mit einem Hendlbrust-Gehrock begnügen.

Hervorzuheben ist neben der Lichtarbeit von Ralph Kopp auch die fein gearbeitete Personenregie und die ungezählten, liebevollen Details. Hier wird – wohldosiert – nicht nur gegackert, gebalzt und stolziert, sondern auch mit den Füßen gescharrt, lasziv mit der Haarpracht gespielt und mit den Köpfen geruckelt, um den Perücken-Kamm komödienwirksam zu inszenieren. Solche Anklänge an hühner-/gockelhafte Verhaltensmuster entlocken dem Publikum offenherzige Lacher. Ebenso zwei Statisten im Schmeißfliegen-Outfit, die Flick-Flack-schlagend durch das Bühnenbild hopsen und einen maisfressenden, etwas übergewichtigen Kollegen triezen. Ein herrlicher, kurzweiliger Unterhaltungsabend, ohne jemals zum trivialen Klamauk oder zu einer tierischen Karikatur zu werden.

Festspielintendant Alessandro De Marchi übernahm die Musikalische Leitung der Opernproduktion selbst. Zusammen mit seinem historisch informiert spielendem Orchester Academia Montis Regalis setzt er auf einen fein gearbeiteten und farbreichen Originalklang bei rhythmischer, tempointensiver Frische und lyrischer Eleganz. Ausnahmslos alle Sängerinnen und Sänger konnten dadurch ihre Gesangsmelodien aus dem Text entwickelten, ohne jemals Gefahr zu laufen, von einem ungebremsten Orchester überdeckt zu werden. Recitar cantando im besten Wortsinne!

Allen voran die junge Sopranistin Giulia Semenzato. Nach ihrem Erfolg beim 5. Internationalen Cesti-Gesangswettbewerb in Innsbruck gastierte sie bereits am Teatro alla Scala in Mailand, am Teatro La Fenice in Venedig und am Theater an der Wien. Mit Carolina kehrte sie nach Innsbruck zurück und beeindruckte mit ihrer farbreichen, agilen Stimme und ihrer schauspielerischen Bravour vollends das Publikum. Ihre Bühnenschwester Klara Ek stand ihr mit großartigen Koloraturen und einer Bandbreite vokaler Ausdrucksmöglichkeiten bei gleichhohem darstellerischem Können um nichts nach. Auch die beiden Buffo-Sänger des tiefen Fachs, Renato Girolami (Graf Robinson) und Donato Di Stefano (Geronimo), waren wahre Rampen-Gockel, provozierten mit ihrem Hahnenkampf viele Lacher im Publikum und sorgten zusammen mit sängerischer Exzellenz für einen besonderen Hochgenuss.

Für die in die Jahre gekommene, goldene Eier legende Truthahn-Tante und Witwe Fidalma musste kurzfristig ein Ersatz gefunden werden. Star-Mezzosopranistin Vesselina Kasarova wurde wenige Tage vor der Premiere Opfer eines Raubüberfalls und zog sich eine Verletzung zu, die einen Auftritt auf der Bühne unmöglich machte. Loriana Castellano sprang ein und fügte sich mit ihrem farbigen Mezzosopran perfekt in das Gesangsensemble ein. Einzig Jesús Álvarez als Paolino fiel mit einer in der Höhe angestrengt wirkenden, wenig gestalteten Tenorstimme, wenngleich bei bester Diktion, heraus.

Am Ende dieser wunderbaren Vorstellung spendete das Innsbrucker Publikum frenetischen Beifall. Es mag nicht nur an der Inszenierung gelegen haben, immerhin war Il matrimonio segreto ein Dauerbrenner der Zeit und wurde in ganz Europa mit hohen Aufführungszahlen gespielt. Jedoch ist die Oper seit dem Zweiten Weltkrieg nur noch selten auf den Spielplänen zu finden, in letzter Zeit ausschließlich auf den kleinerer Theater (Spielzeit 2015/16 in Passau, Amsterdam/Enschede/Maastricht (Opernstudio-Produktion) und spannenderweise mehrmals in Russland, ebenfalls eine Opernstudio-Produktion). Vielleicht lassen sich auch größere Opernhäuser, die Cimarosas Werk mit Nichtachtung strafen, von dem Innsbrucker-Erfolg inspirieren. Den wenig honorierten Platz als Übergangskomponist zwischen Mozart und Gioacchino Rossini, den er einnehmen soll, hat er jedenfalls nicht verdient.

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