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Opernkritik – Charles Wuorinen: Brokeback Mountain (Salzburger Landestheater, Salzburg)

Premiere: 27.2.2016
Regie: Jacopo Spirei
Musikalische Leitung: Adrian Kelly
Besuchte Vorstellung: 27.2.2016 (Premiere)
Fotos: Anna-Maria Löffelberger

Es ist ein zutiefst tragisches und anrührendes Liebesdrama. Zwei homosexuelle Cowboys lernen sich auf einem einsamen Berg beim Schafe hüten kennen und entdecken ihre Gefühle zueinander. Doch Jack Twist und Ennis del Mar schrecken vor ihrer sexuellen Orientierung zurück, halten selbst lieber das gesellschaftlich normierte Bild des kinderzeugenden heterosexuellen Mannes hoch und werden durch Angst und Kindheitstraumata zu Gefangenen ihrer begrenzten Vorstellungkraft. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, wie Christian Morgenstern am Ende seines Gedichts Die unmögliche Tatsache resümierend feststellt. Die Wunschvorstellung, normal zu werden und ihr Glück als Familienväter zu finden, scheitert kläglich. Ein tragischer Unfall, bei dem Jack tödlich verletzt wird, setzt der unglücklichen Liebesgeschichte unverrückbar ein Ende.

Mit dem Oscar prämierten Drama Brokeback Mountain rührte Filmregisseur Ang Lee vor rund zehn Jahren ein Millionenpublikum zu Tränen. Der Film basiert auf der gleichnamigen Kurzgeschichte der Schriftstellerin Annie Proulx aus dem Jahre 1997. Gerard Mortier erkannte das Potenzial des Stoffes für die Bühne. Dem belgischen Opern- und Theaterintendanten ist es zu verdanken, dass Annie Proulx und der US-amerikanische Komponist Charles Wuorinen den Weg zueinander gefunden haben. Im Januar 2014 konnte die daraus entstandene Opernfassung von Brokeback Mountain ihre Uraufführung im Teatro Real in Madrid feiern. Nur wenige Wochen danach verstarb Mortier an Krebs und hinterließ das Werk als sein Vermächtnis. Es war sein ausdrücklicher Wunsch, dass die Oper nach Salzburg kommt, in die Stadt, in der er von 1991 bis 2001 die Geschicke der dortigen Festspiele leitete. So ist es ein besonderer Tag, wenn am vergangenen Samstag bemerkenswerter Weise das Salzburger Landestheater und nicht die Salzburger Festspiele sein Wunsch einlöste und Brokeback Mountain ihre österreichische Erstaufführung feiern konnte. Gerard Mortier ist die Produktion gewidmet.

Klavier, Kontrafagott, Tuba und große Trommel fügen sich gleich zu Beginn zu einem grollenden Klang zusammen – die raue Erhabenheit des Berges, wie es Charles Wuorinen im Programmheft nennt. Ein solch illustrativer Naturalismus findet sich äußert selten in der Oper. Denn die Komposition vermeidet durch kühle akademische Atonalität übertriebenen Pathos und kitschige Emotionen kandiert mit Musical-Zuckerguss. Für das nur 692 Sitzplätze umfassende Landestheater mit entsprechend kleinem Orchestergraben erstellte er eigens eine Kammeropernfassung für 24 Musiker. In der neuen Fassung mit solistischen Streichern, grellen Bläser und polterndem Schlagwerg samt Klavier verstärkt sich der Eindruck einer zerrissenen und aufgeregten, wenngleich wenig abwechslungsreichen Musik. Die spieltechnisch anspruchsvolle Komposition forderte vom Mozarteumsorchester Salzburg ein Höchstmaß an Konzentration und Präzision. Kapellmeister Adrian Kelly verstand es durch klare Schlagtechnik, Sänger wie Musiker durch die ständigen Takt- und Tempowechsel zu führen. Doch stellenweise geriet das Orchester zu laut, ließ die Härte der Komposition noch stärker hervortreten und überanstrengte das Gehör.

Trotzdem macht Wuorinen das einzig richtige, geht von der Kurzgeschichte aus und lässt die süffige Filmmusik von Gustavo Santaolalla links liegen. Anders Jacopo Spirei und seine Deutung von Brokeback Mountain. Etliche Szenen zitieren geradezu den Film. Der italienische Regisseur stellt sich dadurch, ein wenig unklug, in direkte Konkurrenz zum Film. Zusammen mit Bühnen- und Kostümbildnerin Eva Musil lässt er durch Cowboyhut, Rodeo-Hemd, Jeans, Stiefel und viel Whiskey rein illustrativ Country-Romantik Wirklichkeit werden. Doch entwickelte sich durchaus ein optischer Mehrwert durch das Bühnenbild. Zwei schräg gestellte, unterschiedlich hohe Felsplatten ermöglichen Bühnenparallelität: Jack auf dem Hochplateau und Ennis im Hauptlager. Die zukünftigen Frauen der beiden, die allerdings sowohl im Libretto als auch in der Musik zu negativ als keifende Eheweiber mit Luxuswünschen dargestellt werden, drängen sich mit ihren Schauplätzen zwischen die Bergplatten und lassen den Brokeback im zweiten Teil endgültig zum optischen Leitmotiv verkümmern. Mit dem Tod Jacks stirbt auch die Idee von Freiheit, der Brokeback als romantisches Sinnbild verschwindet von der Bühne. Warum allerdings während dem Schlussmonolog Ennis’ im Hintergrund die rumstehende Wolkenwand in langsamer Tragik ein wenig nach vorne kippt, bleibt offen.

Es ist eine schlüssige, wenngleich sehr nah am Film und illustrativ arbeitende Inszenierung. Doch ein entscheidendes Element, das auch das Millionenpublikum des Filmes faszinierte, bliebt gänzlich ausgespart: die durcheinanderwirbelnde Liebe! Da sitzen die beiden Cowboys verschämt am Lagerfeuer, trinken ab und an aus derselben Whiskeyflasche und dürfen sich dann doch wenigstens etwas öfter auf offener Bühne küssen. Die Sex-Szenen, wie man sie von den Giovannis, Figaros und Fledermäusen der Welt kennt, traut sich der Regisseur hingegen nicht auf die Bühne zu bringen. Die pikanten Szenen im Zelt und im Motel bleiben der Fantasie des Zuschauers überlassen. Es müssen ja nicht gleich allzu plakative sexuelle Handlungen sein, aber ein bisschen mehr zur Sache hätte es schon gehen können.

Zur Sache ging es dafür beim exzellent besetzten Sängerensemble. In den Hauptpartien waren Florian Lock als grübelnder und wenig gesprächiger Ennis del Mar mit klangschönem Bariton und Mark Omvlee als Jack Twist mit expressiven, etwas breit-texanisch angehauchten Tenorklang zu erleben. Aus der Vielzahl von Nebenfiguren überzeugten Raimundas Juzuitis (Aguirre), Hailey Clark (Ennis’ Ehefrau Alma Beers) und Rowan Hellier (Jacks Ehefrau Lureen). Das Salzburger Publikum reagierte euphorisch auf die österreichische Erstaufführung und feierte den anwesenden Komponisten mit besonders lautem Beifall. Brokeback Mountain am Salzburger Landestheater ist auf alle Fälle einen Besuch wert und sicherlich eine gute Alternative zum tränenreichen Filmabend im heimischen Wohnzimmer.

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